Die Azteken,
als Nomaden umher irrend, hausten in Lehmhütten, ernährten sich
von Schlangen und waren in einem erbärmlichen Zustand. Sie waren
als aggressive Krieger bekannt und wurden deshalb gerne als Söldner
angeheuert. Mit einem geschickten Schachzug gründeten sie einen Adelsstand.
Sie verheirateten mehr als 20 Frauen ihres Stammes mit einem toltekischen
Prinzen. Ein Sohn des Prinzen führte seine Krieger in eine große Schlacht
und kehrte mit vielen Gefangenen zurück. Er war es auch, der alle Aufzeichnungen
der Azteken zerstören lies. Die erbärmliche Vergangenheit der
Azteken sollte niemand mehr jemals erfahren können. Er löschte
die Vergangenheit einfach aus. Das neu geborene Volk der Azteken schloss
sich mit den Nachbarn in Bündnissen zusammen und breiteten damit
ihren Einflußbereich auf das gesamte Tal von Mexico aus. Erst relativ
spät, um das Jahr 1200, trafen die Azteken aus dem Nordwesten im
Hochtal von Mexiko ein. Sie brachten auch ihren Furcht erregenden Stammesgott
Huitzilopochtli, den sie mit Menschenopfern gütlich stimmen wollten,
mit. Einer Legende zufolge hatte er seinem Volk befohlen, sich dort niederzulassen,
wo ein Adler auf einem Kaktus saß. Die Überlieferung berichtet,
dass dieses Ereignis 1325 in den Sümpfen einer Insel im Lago de Texcoco
eingetreten sei. Daraufhin gründeten sie ihre neue Hauptstadt Tenochtitlán
(heute Mexico-City). Im Zentrum ihrer Hauptstadt errichteten sie eindrucksvolle
Tempel und Pyramiden. Besessen davon ihren Gott Huitzilopochtli gütlich
zu stimmen, verübten sie grausame Opferungen. Die Opfer, ob Mädchen,
Junge, Frau oder Mann, wurden in einer großangelegten Zeremonie
auf die Tempel gebracht, wo ihnen bei lebendigem Leibe das Herz herausgeschnitten
wurde. Das Herz wurde sodann an die Gottabbildungen geworfen und verbrannt.
Anschließend wurden die leblosen Körper einfach die Tempeltreppen
hinunter geschubst.
Der wachsende Reichtum, der rege Handel und die Kultur der Stadt zog immer
mehr Siedler an. Im Jahr 1519 lebten dort bis zu 200000 Menschen. Macht
und Größe des Aztekenreiches beruhten auf der Arbeit einfacher
Männer und Frauen, die meist in komfortlosen, aus Lehmziegeln errichten
Häusern auf sumpfigem Grund lebten und dort ihre Kinder großzogen.
Sie bestellten das Land, webten Stoffe, gruben Kanäle, kochten, bauten
Kanus, schliffen und polierten Obsidian, hämmerten Kupferwerkzeuge
und schufen beeindruckende Kunstgegenstände. Sie zechten bei festlichen
Anlässen, ehrten ihre Herrscher und wohnten voller Ehrfurcht den
religiösen Zeremonien bei. Von ihren Erzeugnissen ist leider nur
wenig erhalten. Textilien, Federschmuck, Gebrauchsgegenstände aus
Holz sowie Nahrungsmittel sind längst verrottet. Zudem hatte die
Angewohnheit der Azteken, die Toten zu verbrennen statt zu begraben zur
Folge, dass von den Kleidungsstücken, Möbeln, persönlichen
Gegenständen, die in anderen Kulturen häufig ins Grab mitgegeben
wurden, kaum noch etwas vorhanden ist. Trotzdem ließ sich ein detailliertes
Bild des Lebens im Hochtal Mexiko vor 500 Jahren anhand dauerhafter Artefakte
nachzeichnen. Dazu zählten einige erhalten gebliebene Wandgemälde,
ebenso wie die weitaus häufiger gefundenen aztekischen Werkzeuge,
Waffen, Töpferwaren und Steinskulpturen. Wertvolle Hinweise liefert
auch das Leben der heutigen Bauern, von denen viele auf sehr ähnliche
Weise arbeiten wie ihre Ahnen. Die Blumenzüchter von Xochimilco bei
Mexico City beispielsweise bauen Blumen nach wie vor auf kleinen künstlichen
Inseln im Sumpf an. Zu guter Letzt stehen den Forschern die lebhaften
Bilder in den Codices zur Verfügung. Die dort abgebildeten Darstellungen
wurden von den Wissenschaftlern gründlich ausgewertet. So gelang
es zum Beispiel einem Fachmann für Bekleidung anhand von 24 Codices
und mehreren Wandmalereien genau herauszufinden, welche Art Kleidung Azteken
je nach seiner gesellschaftlichen Position und seinem Beruf zustand. Für
jedes königliche Mahl bereiteten Motecuhzoma's Köche bis zu
30 verschiedene Gerichte zu. Die Mahlzeiten der Oberschicht waren weniger
üppig als die ihres Herrschers, aber ähnlich nahrhaft und abwechslungsreich.
Wie Bernardino de Sahagún berichtete, gehörten zum aztekischen
Menü häufig Wassermolche mit gelben Paprikaschoten, Heuschrecken
mit Salbei oder Wildbret mit Chilischoten, Tomaten und Kürbiskernen.
Für besondere Anlässe züchteten die Bauern Truthähne.
Jäger brachten zuweilen Enten, Fasane, Hirsche oder Wildschweine,
häufiger aber Wildkaninchen, Krähen und Tauben mit nach Hause.
Aus dem Lago de Texcoco kamen Frösche, Fische und diverse andere
Süßwassertiere. Aztekische Grundnahrungsmittel wie Mais, Tomaten,
Süßkartoffeln, Truthahn oder Chilischoten bereichern mittlerweile
in vielen Ländern der Welt den Speiseplan. Andere Nahrungsmittel
hingegen wie etwa Algen, Larvennester, Insekteneier, Steinfliegen und
ihre Nester, Salamander, Leguane und Gürteltiere sind nicht zu internationalen
Delikatessen geworden. Im heutigen Mexico gelten Ameiseneier noch immer
als Leckerbissen. Tag für Tag schufteten aztekische Arbeiter auf
gemeinschaftseigenen Feldern, bei öffentlichen Bauprojekten oder
in staatlich überwachten Handwerksbetrieben. Ihre Frauen verbrachten
den größten Teil des Tages am Webstuhl, wenn sie sich nicht
um die Kinder oder das Vieh kümmern oder einkaufen und kochen mussten.
Der wachsende Bedarf an Ackerland zwang die Azteken zur Nutzung seichter,
sumpfiger Gebiete des Lago de Texcoco. Man grub ein Netz von Kanälen
und häufte auf jedes der so entstehenden Rechtecke, chinampas genannt,
den extrem fruchtbaren Schlamm vom Grund des Sees. Auf diese Weise entstand
eine schachbrettartige Anlage aus schmalen, von Kanälen gesäumten
Landstreifen, die etwa 90 Meter lang und zwischen 4,50 und 9 Meter breit
waren. Die auf diesen Inseln lebenden Bauern, die Blumen und Gemüse
anbauten, bewässerten ihre Felder, indem sie mit Eimern Wasser aus
den angrenzenden Kanälen schöpften. Die rund ums Jahr beackerten
Chinampas, die bei Bedarf mit frischem Schlamm vom Seeboden gedüngt
wurden, warfen jährlich mehrere Ernten ab und führten zu einem
Nahrungsmittelüberschuß, der wiederum Arbeitskraft freisetzte,
so dass sich viele auf handwerkliche Tätigkeiten spezialisieren oder
an öffentlichen Bauten mitarbeiten konnten. Eindringliche Rhythmen
belebten die religiösen Feste der Azteken, die weder bei feierlichen
Ritualen noch bei fröhlichen Festessen auf Musik verzichten wollten.
Bei jeder Zeremonie traten professionelle Sänger und Tänzer
auf, begleitet von kleinen Orchestern mit Flöten, Pfeifen, Muscheltrompeten,
Kürbisrasseln, Gongs und Trommeln. Die Tänzer verstärkten
die Wirkung der Musik, indem sie an ihre Kleidung Ketten von Muscheln,
Knochen oder kupfernen Glöckchen hefteten, die jede ihrer Bewegungen
hörbar machten. Im Anschluss an die Zeremonien nahmen viele Festgäste
an den üppigen Banketten in den Häusern der Reichen teil, wo
sie die musikalischen Darbietungen, Dichterlesungen und Schauspiele genossen,
welche von berufsmäßigen Unterhaltern dargeboten wurden, über
die jeder adlige Haushalt verfügte. Rezitationen von Gedichten wurden
von Trommeln und Flöten begleitet. Nicht selten sangen die Gäste
mit. Einige schlossen sich auch den Tänzern an; die tönerne
Figur mit Lippen- und Ohrschmuck soll offenbar einen solchen Tänzer
bei einem Fest darstellen. Bei Motecuhzoma's Festen allerdings erwartete
einen Sänger, der den richtigen Ton nicht traf, oder einen Trommler,
der aus dem Rhythmus kam, ein trauriges Schicksal. "Sie sperrten
ihn ein, bis er starb", berichtete Sahagún.Im Hochtal von
Mexiko machten sich Herrscher und Adlige Konkurrenz, wenn es darum ging,
sich die Fähigkeiten der besten Kunsthandwerker zu sichern, die in
über 30 offiziell anerkannten Berufen arbeiteten. Innungen legten
das Lohn- und Qualitätsniveau fest, indem sie ihre Mitglieder nach
deren Fähigkeiten in eine Rangordnung einteilten. Die Kunsthandwerker
lebten in einem eigenen Stadtbezirk, der Talente aus dem gesamten Aztekenreich
anzog. Metallarbeiter hämmerten aus Gold und Silber Schmuckgegenstände
und kultische Artefakte und stellten aus Kupfer Nadeln, Angelhaken, Bohrer,
Meißel und Äxte her. Steinmetze benutzten Kupferwerkzeuge,
um Türkise, Obsidian, Jade, Amethyste, Karneole und Alabaster zu
schneiden und zu durchbohren, bevor sie mit Sand und Wasser geschliffen
wurden. Das höchste Ansehen jedoch genossen die Federarbeiter, die
das leuchtende Gefieder von schillernd grünen Quetzals, scharlachroten
Aras, blauen Kotingas und Papageien zu farbenprächtigem Kopfschmuck,
Schilden, Waffenröcken und Umhängen verarbeiteten.
zurück