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Es ist 4:11 Uhr als ich auf die Uhr schaue und an Javier denke!!! Aber nur kurz, sonst wird er wach, kicher! Und nun? Was mache ich nun bis um 7:00 Uhr? Ich schleiche leise im Zimmer rum und packe die Koffer aus. Mache dann den Laptop an und spiele bisschen Sudoku und andere Zeit vertreibende Spielchen. Versuche noch mein Handy in Gang zu bekommen, aber erstmal bekomme ich das nicht hin. Netzwahl – kein Netz gefunden. OK. dann eben nicht.
Es ist kurz vor 6:00 Uhr und ich kann schon mal duschen gehen. Weckdienst meldet sich wie vereinbart um halb sieben, ab 7:00 Uhr gibt es Frühstück, um 8:00 Uhr ist Abfahrt zur Stadtbesichtigung. Aber vorher noch die Safe-Sache klären. Mit meinen bescheidenen Spanisch-Kenntnissen erkläre ich, dass sich zwar ein Safe in meinem Zimmer befindet, aber ich nicht wüsste wie das Ding funktioniert. Der Concierge checkt meine Zimmernummer und stellt fest, dass der Safe in meinem Zimmer nicht funktionstüchtig sei, aber die Möglichkeit bestehe, hier im Hotelsafe meine Sachen unterzubringen. Als ich das Angebot wahrnehmen möchte, stutze ich und denke mir: hoppla wo soll denn der Läppi hin? Er zieht so ein schlankes Büchschen aus der Schublade, wo grad mal Pass und Kleingeld Platz hat. OK, der Läppi geht direkt zum Concierge, der ihn in seine Obhut nimmt.
Wir treten vor das Hotel und denken „Na wenn das 10°C sind, dann nur im Kühlschrank von Javier.“ Die 10°C fühlen sich an wie 20°C und Frühling. Liegt wahrscheinlich an der Höhe. 2200 m über NN. Viel zu warm angezogen - Jeans und T-Shirt.
Auf geht’s. México-City ist eine einzige pulsierende Masse. Ein gut organisiertes Chaos. Erste Regel für den Straßenverkehr: wer zuerst kommt, fährt zuerst, rechts vor links gibt es somit nicht. zweite Regel: die Autos haben vor den Fußgängern immer Vorfahrt!!! Auf dem Weg zum Zócalo kommen wir an der „Independencia“ vorbei und ich habe das Gefühl die goldene Else in Berlin zu betrachten. Wir fahren keine 20 Minuten und sind am Zócalo. Ein riesiger Platz in deren Mitte die Méxicanische Flagge fröhlich im Wind wedelt. Zuerst steuern wir die Kathedrale an. Einfach wunderschön anzusehen, so viel filigrane Arbeit, mit Blattgold besetzt oder auch aus purem Gold, alles glänzt. Die Kerzen bringen das Gold richtig zum Leuchten. Ein kleiner bunter Tisch weckt unsere Neugier. Javier erklärt uns, dass es sich dabei um kleine Spenden der Einwohner handelt. Es sind Schlüssel und Schlösser mit bunten Bändchen auf denen Grüße und Wünsche stehen. Die Spenden sind alle aus Metall, das wiederrum eingeschmolzen werden soll um z.B. ein Glocke zu gießen oder um ein anderes Monument herstellen zu können. Die Idee wurde geboren, um die Papst-Statue, die man vor der Basilika von Guadalupe besichtigen kann, gießen zu können. Die ganze Bevölkerung wurde aufgerufen, Metallgegenstände zu spenden. Und wenn man die Statue sieht, hat man eine ungefähre Vorstellung von den Massen, die an Metall gesammelt werden mussten.
Rechts neben der Kathedrale befindet sich die Sakristei. Weiter geht es zum „palacio nacional“. Früher Regierungssitz, heute Sehenswürdigkeit in deren Treppenhaus Gemälde von Diego Rivera zu besichtigen sind. Ein Maler, der sich auf die Seite der Indianer stellte und die Eroberer Méxicos als das darstellte, was sie wirklich waren. Unterdrücker, Sklavenhändler und Vernichter vieler Kulturen. Wir sehen noch die Post, auch ein riesiges
 
Gebäude und dann das Cafe auf einer Terrasse, von der man einen super Blick auf den gesamten Zócalo bekommt. Und dann, was mich am meisten interessiert, die Überreste der Pyramide der Azteken. Die Azteken hatten ja ihre Hauptstadt Tenochtitlan hier auf dem Texcocosee errichtet. Die Spanier hatten ja nicht anderes zu tun, als die gesamte Stadt einzunehmen und anschließend dem Erdboden gleich zumachen, um ihre katholischen Gebäude zu errichten. Deshalb kann man nur noch erahnen, welche Größe einst die Pyramide erreicht haben muss. Im Anthropologischen Museum ist eine Miniaturansicht der Stadt zu bewundern. Auf diesen Weg machen wir uns auch im Anschluss an die Stadtbesichtigung. Auf den riesigen Sonnenstein der Azteken und den überdimensionalen Olmekenkopf hab ich mich schon besonders gefreut. Endlich kann ich diese Monstren besichtigen und sogar berühren.
Und dann geht’s los. Wir beginnen mit der Halle der „Entstehung der Menschheit“. Hm ich werde ungeduldig. Das kenne ich doch schon alles aus dem „Naturkundemuseum in Berlin“. Bloß schnell durch hier. Dann Mittagspause, wir bedienen uns am Buffet und ich probiere so etwas wie grüne Bohnen. Schließlich stellt sich heraus, dass es Kaktusgemüse ist. Ist echt lecker. Gestärkt betreten wir die anderen Hallen. Und dann geht es Schlag auf Schlag. Ich kann mich gar nicht satt sehen. So viele Stelen, Masken, Reliefs, Monumente, Abbildungen, und und und. Die Originale stehen hier im Museum. Und alle sind zum Greifen nahe, viele sogar mit den Händen anzufassen! Ich kann den Sonnenstein der Azteken mit meinen eigenen Händen berühren und lasse mich unter ihm fotografieren. Einfach gigantisch! 4 Meter Durchmesser! Ich hab die Geschichte berührt, ich bin überwältigt und werde meine Hand nienichtmehr waschen, lach. Nur schwer trenne ich mich und wir wandern weiter in die nächsten Hallen. Und zu allen Gegenständen kann unser Javier Geschichten und Legenden erzählen.
Es gibt so viel zu bestaunen, meine Kamera läuft heiß, zum Glück gibt es einen Ersatzakku, die Karte speichert 4 GB. Am ersten Tag sind es schon 167 Fotos. Na ja den Läppi hab ich ja nicht umsonst dabei. Und dann steht er vor mir. Der Kolossalkopf! Woooooow! Meine Hand streichelt über seine Wange. Ich bin hin und weg. Geschichte zum Anfassen! Es wird immer schwerer mich von den Altertümern zu trennen. Eine originalgetreue Abbildung vom Grab des Herrschers Pacal, der Palenque einst regierte, gibt es als nächstes zu bewundern. Palenque werden wir übrigens am achten Tag unserer Rundreise erkunden und ich bekomme hier schon mal einen Vorgeschmack auf das, was mich dort erwartet. Eine Kultur, die vor 3500 Jahren existierte hat dies alles erschaffen. Unglaublich!
Und dann heißt es Abschied zu nehmen vom Museum. Als Kind ist mir dies nie schwer gefallen, aber heute, hm. Ich würde noch die Nacht darin verbringen wollen. Es gibt so viel zu sehen.
Aber leider. Der Bus bringt uns zurück ins Hotel, Javier verspricht uns wieder ca. 10°C für den nächsten Tag. Wir stürzen uns ins Nachtleben und sind auf der Suche nach einer Wechselstube. Müde schlendern wir wieder zurück ins Hotel, trinken noch einen Wein an der Bar und fallen müde ins Bett. Abendbrot fällt aus, keinen Hunger.


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