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Durch die Berichte der Spanier wissen wir, dass die Maya viele Aufzeichnungen über astronomische Beobachtungen und kalendarische Berechnungen, über landwirtschaftliche Belange, Gesetze, Opfer, Riten, Heilmittel, Seuchen usw. besaßen. Schrecklicher Weise sind durch den blinden Glaubenseifer der Spanier fast alle dieser Schriften vernichtet worden. Nur wenige dieser Kodizes konnten der Zerstörungswut entgehen und werden als besondere kulturhistorische und bibliophile Kostbarkeiten in Paris, Madrid, Dresden und in Mexico-City aufbewahrt. Sie enthalten unter anderem Tafeln für Mond- und Sonnenfinsternisse, exakte Beobachtungen der scheinbaren Bewegungen des Planeten Venus sowie mythologische und astrologische Angaben. Sie erklärten für sie nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern waren auch der Schlüssel für die Zukunft.

Dass die Maya dem Lauf des Tagesgestirns, seinen Wenden und den Tagundnachtgleichen große Aufmerksamkeit schenkten, lassen z. B. Bauten in der Stadt Uaxactun vermuten. (Der Name der Stadt bedeutet 8 Stein.) Im Peten-Regenwald im nördlichen Guatemala befinden sich ihre Ruinen. Eine Stele mit Maya-Hieroglyphen trägt hier, nach unserer Zeitrechnung, das Datum des Jahres 328. Es ist das bisher älteste entzifferte Datum in Uaxactun, während das jüngste auf einer anderen Stele das Jahr 889 verzeichnet. Demnach muss die Stadt mindestens 561 Jahre lang besiedelt gewesen sein, bevor sie aufgegeben und verlassen wurde.
S. G. Morley vom Carnegie-Institut Washington entdeckte sie erst 1916 wieder. In jahrzehntelanger Arbeit legte er die Stadt in ihrem zentralen Bereich frei und restaurierte sie. Dabei fand man heraus, dass die Bewohner Uaxactuns die älteste Pyramide der Maya-Kultur errichtet haben. Sie wird "E-VII sub" oder "Pyramide der Masken" genannt. Bestimmte stilistische und bauliche Details verraten noch Einflüsse der Olmeken, die die Vorgänger der Maya waren.
Auf allen 4 Seiten der 3-stufigen Pyramide führen breite Treppen empor. Wahrscheinlich befand sich auf dem obersten Absatz einst ein Tempel. Blickt man von der "Pyramide der Masken" nach Osten erkennt man eine heute bewachsene Fläche (früher offenes Terrain), die an 3 Erdhügel grenzt. Der mittlere Erdhügel liegt genau in Richtung Osten. Die beiden äußeren Hügel sind von dem mittleren gleich weit entfernt. Morley hat die Hügel als ursprüngliche Heiligtümer rekonstruiert. Diese Hügelanordnung war für die Maya sozusagen der Jahreszeitenkalender. Zur Tagundnachtgleichen geht die Sonne direkt über der mittleren Erhebung auf. Das heißt man schreibt das Datum 21. März bzw. 23. September (Frühlings- bzw. Herbstanfang). Daraus lässt sich ableiten, dass zur Sommersonnenwende, also am 21. Juni, die Sonne direkt über der linken Erhebung aufgeht und zur Wintersonnenwende am 21. Dezember über der rechten Erhebung. Im Umkreis von ca. 100 Kilometern sind noch andere Plätze mit dieser Art von Anordnung bekannt.

Auch die Einwohner der Stadt Chichen Itza im Norden der Halbinsel Yucatán (Mexiko) vertrauten auf die Beobachtung des Himmels und der damit einhergehenden Erweiterung ihrer Kalenderkunde. Der einstige Herrscher der Stadt "Ce Acatl Topiltzin", wörtlich übersetzt "Unser Fürst Eins Rohr", ließ den merkwürdigen Rundbau "EI Caracol" errichten. Caracol ist das spanische Wort für "Schnecke". Das Schneckenhaus war zweifellos eine Art Sternwarte. Das Schicksal Ce Acatl Topiltzins wurde später mit dem des mexikanischen Gottes Quetzalcoatl mythisch verbunden. Quetzalcoatl hieß bei den Maya Kukulcán. Ihm war in Chichen Itza eine Stufenpyramide geweiht, die die Spanier zunächst irrtümlich für eine Burg hielten und sie deshalb "El Castillo" nannten. In Wirklichkeit war sie ein 9-stufiges Heiligtum mit 56 Meter Länge und 24 Meter Höhe. Die oberste Stufe krönt ein kleiner quadratischer Tempel, dessen Portal Säulen in Gestalt von Federschlangen säumen. Jeder Absatz der Pyramide symbolisiert eine der 9 Schichten des Himmels, auf dessen Gipfel die Sonne täglich hinauf- und hinabsteigen sollte. Zur Spitze der Pyramide gelangte man auf allen 4 Seiten über Treppen mit jeweils 91 Stufen. 4 mal 91 ergibt 364, zusammen mit der Plattform unter dem Tempel 365 - also die Zahl der Tage während eines Jahres. Interessanterweise umhüllt die Pyramide Kukulcans einen älteren Stufenbau, dessen Tempel einen rot bemalten Jaguarthron aus Stein enthält. Er ist mit 80 grünen Jadescheiben verziert. Es war der Thron für den Sonnengott. Auf ihm lagen ein Sonnensymbol (eine runde Holzscheibe mit Türkisüberzug) sowie Perlen und Schmuck aus Jade.
An der auf 2 Seiten rekonstruierten Pyramide tritt um die Tagundnachtgleichen ein höchst eindrucksvolles Spiel des Sonnenlichtes auf. Die Treppenwände sind auf beiden Seiten mit langen stilisierten Schlangenkörpern versehen. Sie laufen am Treppenfuß in reptilartige, fast 1,5 Meter hohe Köpfe aus. Während die Sonne am Tag des Frühlings- und Herbstbeginns zum Westhorizont herabsinkt, fallen ihre Strahlen so auf die 9 Stufen der Pyramide, dass sich an der Westwand ein sägezahnartiges Muster aus Licht und Schatten ergibt. Nach und nach entstehen von der Pyramidenspitze abwärts in Richtung der Schlangenköpfe 7 Lichtdreiecke. Dann erscheint auf einmal die gesamte 9-zackige Lichtschlange. Doch beim Versinken der Sonne verlöschen die Lichtdreiecke wieder, angefangen beim Schlangenkopf und von dort der Reihe nach bis ganz oben hinauf. Mit dem Verschwinden des letzten Lichtschimmers ist auch die Pyramide in der Dunkelheit versunken. Die Pyramide ist vermutlich ganz bewusst so konstruiert worden, dass dieser "Feuerzauber" entstehen musste und als Zusammenwirken des Sonnengottes und Quetzalcoatl - Kukulcans erschien. Damals wie heute haben sich wohl viele Menschen versammelt, um dieses ungewöhnliche Schauspiel zu erleben. Vielleicht sollte das absteigende Lichtmuster die Rückkehr Kukulcans vom Himmel versinnbildlichen. Am Maul der Schlange könnte man Opfergaben niedergelegt haben. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass sich unter dem Tempel auf der Plattform, wo der letzte Lichtschimmer erlischt, das bereits erwähnte Heiligtum der älteren Stufenpyramide mit dem Thron des Sonnengottes befindet.

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